Ein Blick ins Paradies


Die bedeutendsten Kunstwerke aus der ehemaligen Klosterkirche sind die beiden Bentlager Reliquiengärten. Vor 500 Jahren schmückten die Zisterzienserinnen im Kloster Bersenbrück den Reliquienschatz der Bentlager Kreuzherren und arrangierten die Gebeine mit künstlichen Blumen, Skulpturen und Pailletten. Der symbolische Gehalt dieser Darstellungen ist eng mit der Spiritualität der Kreuzherren verbunden.

Dargestellt ist eine Kombination von Paradiesgarten und Kalvarienberg. Das zentrale Kruzifix versinnbildlicht einerseits das Holz vom Baum der Erkenntnis aus dem Garten Eden, andererseits das Holz des Kreuzes, an dem Christus durch seinen Opfertod die Menschheit vor den Folgen der Erbsünde erlöste. Es symbolisiert somit das Alpha und Omega der Heilsgeschichte.

Schädel, Gebeine und weitere sekundäre Reliquien der Heiligen sind hierarchisch um den Gekreuzigten angeordnet. Auf Pergamentstreifen (cedulae) ist für jede Reliquie der entsprechende Heiligenname verzeichnet. Dichtgedrängt sind die Reliquien in einen bildhaft-flächigen Paradiesgarten aus kunstvoll handgearbeiteten Blumen eingebettet. Zusätzlich sind Edelsteine wie Bergkristall, Granat, Korallen und Flußperlen sowie Gemmen und Silberpailetten eingehängt.

Die „blühenden Gebeine“ (Arnold Angenendt) überwinden machtvoll die Register des Todes und drängen alles Schreckende in den Hintergrund. Die reiche Vegetation rings um das Kreuz symbolisiert nicht nur den frühlingshaften Aufbruch zu neuem Leben; die kunstvoll verhüllten Reliquien stellen als Relikte des Erdenlebens der namentlich bekannten Heiligen vor allem konkrete Hinweise auf diese schon jetzt im Paradies bei Gott weilenden Heiligen dar.

Insofern vermitteln sie dem Betrachter nicht nur ein irdisches Abbild der nur spirituell zu erfassenden Herrlichkeit des himmlischen Paradieses und damit ein Bild vom ewigen Leben, sie bestärken ihn auch in seiner Auffassung von den letzten Dingen, vom verheißenen Endziel all seines Tuns und Strebens und geben damit seinem Leben auch in einem moralischen Sinn Richtung und Weisung.

Erhalt und Restaurierung

Nach der Auflösung des Klosters im Jahr 1803 gingen die Kunstwerke der Klosterkirche in den persönlichen Besitz der Herzöge von Looz-Corswarem über. Sie ließen die beiden Reliquienkästen in die 1827 neu eingerichtete Schlosskapelle überführen, wo sie den Zeitenlauf relativ unbeschadet überstanden. Zwar wurden sie im 19. und frühen 20. Jahrhundert mehrmals weiß überstrichen, aber unter dem modernen Anstrich und dem Staub der Jahrhunderte blieb der originale mittelalterliche Zustand so gut erhalten, dass er wieder freigelegt werden konnte.

Dank einer sorgfältig konzipierten und konsequent durchgeführten Restaurierung in der zentralen Restaurierungswerkstatt des Westfälischen Museumsamtes erstrahlen die Reliquiengärten wieder in ihrem originalen mittelalterlichen Glanz. Ermöglicht wurde die Maßnahme von zwei Institutionen, die das Projekt nachhaltig unterstützten: dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe und der NRW-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege, die zusammen mit der Stadt Rheine die Finanzierung übernahmen und so diese einzigartigen Zeugnisse spätmittelalterlicher Frömmigkeit der Öffentlichkeit wieder zugänglich machten.

Im Museum Kloster Bentlage sind die beiden spätgotischen Reliquiengärten, die in ihrer Form und Größe heutzutage einmalig sind, in einem ehemals zum Kapitelsaal gehörenden Raum zu sehen, der aus konservatorischen und ästhetischen Gründen abgedunkelt ist.

 

Museum Kloster Bentlage
Öffnungszeiten: di-sa 14-18 Uhr, sonn- und feiertags 10-18 Uhr
25.12. (1. Weihnachtstag) und Silvester geschlossen.